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MÄNNER, VIELLEICHT Notizen aus Paris und Mailand, Juni 2026

MÄNNER, VIELLEICHT Notizen aus Paris und Mailand, Juni 2026

Die Trends der Mailänder und Pariser Fashion Weeks 2027 für Ihn

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Fangen wir mit einem Schuh an. Irgendwo muss man schließlich anfangen. Und Schuhe erzählen in letzter Zeit ohnehin mehr über zeitgenössische Männlichkeit als all jene, die Essays darübergeschrieben haben: der transparente Derby-Schuh aus PVC von Vaccarello, der nackte Fuß sichtbar, die Socke abgeschafft – per Dekret oder aus Kalkül, in einer Zeit, in der alle ihre Füße auf OnlyFans verkaufen. Vaccarello hüllte die Bourse de Commerce in den künstlichen Nebel von Cloud #07156, der Installation von Fujiko Nakaya, die Wasserdampf aus dem Boden der Rotunde aufsteigen lässt. Die Models traten in die Wolke ein und verschwanden, tauchten wieder auf, lösten sich erneut auf. Als erklärte Bezugspunkte dienten Marguerite Duras, Tina Chow und Tom Ripley aus Patricia Highsmiths Romanen.

Zehn Jahre nach Beginn seiner Amtszeit hat Vaccarello seine Rolle inzwischen länger ausgefüllt als jeder seiner Vorgänger – mit Ausnahme des Gründers selbst. Und das merkt man, im besten Sinne. Die Kollektion besaß jene selbstverständliche Qualität, die nur lange gereifte Arbeiten erreichen: Man nimmt die Anstrengung nicht mehr wahr, sondern nur noch das Ergebnis. Die drei goldenen Schluss-Looks – ein direktes Zitat von Hedi Slimanes Herbst Winter-Kollektion 2000 aus seiner ersten Ära bei Saint Laurent – beschlossen die Schau wie eine Flamme, die während der gesamten Präsentation klein gehalten wurde, um sich mit dem letzten Akkord plötzlich hoch aufzurichten.

Jonathan Anderson entschied sich dagegen für das Musée Nissim de Camondo – eines der schönsten und zugleich sträflich unterschätzten Museen von Paris. Ein Stadtpalais aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts mit Blick auf den Parc Monceau, von Moïse de Camondo nach dem Vorbild des Petit Trianon errichtet, ausgestattet mit einer der bedeutendsten Sammlungen französischer Kunstgewerbe des 18. Jahrhunderts und schließlich genauso belassen, wie es war, nachdem die Familie in Auschwitz ausgelöscht worden war. Anderson ließ von Giangiacomo Rossetti Porträts seiner Models malen und sie an den Wänden aufhängen, als gehörten sie seit Jahrhunderten dorthin: der aristokratische, nonchalante Herr, Barry Lyndon oder Mr. Darcy, an eine kalifornische Küste gespült. Das Bild funktioniert gerade deshalb so gut, weil es zwei Jahrhunderte nahtlos miteinander verbindet, ohne jene museale Retrospektiven-Nervosität, die so viele vermeintlich „historische“ Modekollektionen befällt. Der Soundtrack von Fred Again, der sampelt, wie Anderson die Archive sampelt, war kein akustisches Gimmick, sondern das aufrichtige Manifest einer Methode: Fragmente zu nehmen – einen Smoking, eine Reitjacke, eine Stickerei aus dem 18. Jahrhundert – und sie so lange aufeinanderprallen zu lassen, bis sie wie ein neuer Satz klingen. Es ist ein Dior, das sich noch im Entstehen befindet, gewiss – aber eines, das sich bei vollem Tageslicht formt, mit einer visuellen Intelligenz, die man nur selten mit einer solchen Freiheit auf ein Modehaus dieses Kalibers angewandt sieht.

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Rick Owens im Palais de Tokyo nennt seine Kollektion Stone, verweist auf Buckminster Fuller und das Prinzip der Tensegrität – Strukturen aus voneinander getrennten Elementen, die allein durch Netze unsichtbarer Spannungen zusammengehalten werden; nichts berührt sich unmittelbar, alles bleibt im Gleichgewicht durch Kräfte, die man nicht sieht und die doch alles tragen. Dann inszeniert er einen Brunnen, der Wasserbögen über die Köpfe der Gäste schießt, während draußen, buchstäblich vor der Tür, Paris bei 44,3 Grad brannte – ein neuer nationaler Hitzerekord. Die schwarzen Regenschirme, die am Eingang wie bei einer Beerdigung verteilt wurden, wären allerdings auch ohne die canicule ein Detail gewesen, das Owens als gotisch empfunden hätte. Denn Gotik ist für ihn kein Stil, sondern ein Seinszustand. Jacken aus Popeline mit abnehmbaren Schulterpartien aus Leder, Capes aus Latex, transparente Tanktops an der Grenze zur Lingerie – und schließlich die erste Zusammenarbeit mit adidas seit 2017: ein aufblasbarer Overall mit integriertem Kühlsystem. Das war der einzige Moment der gesamten Woche, in dem die Außentemperatur tatsächlich Eingang in die Schneiderei fand – nicht als Metapher, sondern als technisches Problem, das gelöst werden musste. Vielleicht ist genau das die einzige ehrliche Art, wie Mode dem Klimakollaps begegnen kann: ihn nicht zu kommentieren, sondern ihn anzuziehen.

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Und schließlich Celine, am letzten Tag, in einem Tennisclub im 16. Arrondissement, mit Ventilatoren am Eingang. Michael Rider zeigte seine erste Herrenkollektion, seit er 2024 zur Maison gekommen ist. Schon das sagt einiges aus: ein Kreativer, der im Stillen arbeitet, ohne Verlautbarungen, ohne den Drang, möglichst schnell konzeptionelle Fahnen in irgendeinem neuen Terrain zu hissen. Weit geschnittene Hosen in Türkis und Koralle, Mäntel aus weicher Gabardine, eine Silhouette von solcher Fluidität, dass sie gar nicht erst erkennen ließ, ob ein Kleidungsstück männlich oder weiblich gedacht war – als wäre diese Unterscheidung längst obsolet. Und genau darin liegt bei Rider der Punkt: dass es keinen Punkt gibt. Kein Manifest, keine demonstrativ formulierte Clarity, sondern allein die Idee – heute ebenso subversiv wie in den siebziger Jahren, als Saint Laurent sie formulierte –, dass sich Luxus daran bemisst, wie oft ein Kleidungsstück getragen wird und welche Erinnerungen es in sich aufnimmt. Man könnte das als eine stille Häresie bezeichnen – inmitten so vieler Kollektionen, die wirken, als seien sie nach Art einer Doktorarbeit konstruiert.

Dann, rückwärts, Mailand. Reduktion auf das Wesentliche, sagen Miuccia und Raf und geben der Kollektion den Titel Clarity. In der Praxis bedeutet das: Jeans, T-Shirt und Blazer – das banalste Vokabular der Welt, allerdings neu formuliert mit schmal geschnittenen Hosen, die über dem Knöchel enden, Denim in Creme, Atomgelb und Säuregrün sowie jenen Details eines zum Bergsteiger umgeschulten Städters – der Klettersack, der zur Gürteltasche wird, der Monkstrap mit vervielfachten Riemen. Man denkt an einen Mann, der irgendwo zwischen Berghütte und bürgerlichem Salon verloren gegangen ist und sich mit bemerkenswerter Würde entschieden hat, sich nicht zu entscheiden. Vielleicht ist genau das der Grund, warum er der interessanteste von allen ist: weil er sich nicht erklären muss.

Was bleibt am Ende von all diesen sich überlagernden Laufstegen, künstlichen Nebeln, Fontänen, Ölgemälden und Klettertaschen? Vielleicht nichts Systematisches – und das ist gut so. Da ist Vaccarellos Geistermann, der im Nebel erscheint und wieder verschwindet; Andersons gebildeter Mann als Collage; Riders Mann ohne Adjektive; Owens’ bis ins Extrem aufgeblasener Mann und Pradas Mann, der buchstäblich auf das Wesentliche reduziert ist.

Und dazwischen, jenseits der Schaufenster, jenseits der Museen, die zu Laufstegen umfunktioniert wurden: 44 Grad Hitze, von denen drinnen niemand wirklich betroffen zu sein schien.

Simone Cotellessa

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